(23.02.2010)
Einführung an der Charité zum Wintersemester 2010/11
Pflichtgemäß zum Wintersemester 2010/11 führt die Charité einen "Modelllstudiengang Medizin" ein. Doch Sachkenner bezweifeln, dass dann eine grundlegende Studienreform gelingen kann.
Der Fakultätsrat verabschiedete zwar, um die Frist einzuhalten, Anfang des
Jahres nach heftigen Diskussionen (mit 15 Ja-, 3 Nein-Stimmen und einer
Enthaltung) den Entwurf einer Studien- und Prüfungsordnung für dieses
Modellcurriculum, er ist aber sichtbar "mit der heißen Nadel genäht". Es handelt
sich nur (so Studiendekan Manfred Gross bei der Vorlage des Entwurfs) um einen
"formalen Rahmen, der die detaillierte Weiterentwicklung des Modellstudiengangs
innerhalb der nächsten Monate erlaubt".
Der Entwurf lehnt sich in weiten Teilen an den erfolgreichen, nun
auslaufenden Berliner Reformstudiengang an und liest sich als ehrgeizige
Absichtserklärung. Zu fragen ist, wer ihn eigentlich in so kurzer Zeit bis zur
Realitätsreife weiterentwickeln soll. Denn fast alle erfahrenen Experten haben
wegen der unverständlichen Vernachlässigung des Reformstudiengangs die Charité
verlassen. (Übrigens wurde die Ausbildungskommission, deren Aufgabe unter
anderem die "Stellungnahme zum Erlass und zur Änderung von Studien- und
Prüfungsordnungen" ist, übergangen.)
Und die Realisierung selbst? Der Fakultätsrat stimmte dem Entwurf nur nach
Einfügung der Worte "vorbehaltlich der Finanzierung" zu. Die Mehrkosten werden
auf 20 Prozent geschätzt; also ohne Erhöhung des Staatszuschusses kein
Modellstudiengang. Für den modernen aktivierenden Unterricht in kleinen Gruppen
braucht man viele zusätzliche Räume, ganz zu schweigen von dem nötigen, für die
neuartigen Lehrformen gut geschulten Personal und den anderen Voraussetzungen
einer echten Studienreform. Das offenbar - auch nicht hinzugezogene -
International Advisory Board des Reformstudiengangs hat sie alle genannt (s.
Themenschwerpunkt in
BERLINER ÄRZTE Heft 11/09).
Das Wichtigste, "Faculty Develoment", steckt noch in den Anfängen, das neue
didaktische Denken zeigt noch keine Breitenwirkung. Denn nun muss man
beobachten, wie Fachvertreter versuchen, soviel ihres Stoffs wie irgend möglich
in die Module hineinzupressen, statt sich an den Lernzielen zu orientieren, wie
es der Entwurf der Studienordnung konsequent tut. Was wird von ihm am Ende übrig
bleiben? Und wie viel von dem, was auf dem Papier steht, wird realisiert werden?