(06.04.2002)
Beitrag von Dr. Günther Jonitz für die Zeitschrift "Public Health Forum", April 2002
Informieren, differenzieren, dokumentieren,
kommunizieren, humanisieren
oder
"Medicine,
even at its scientific best, is a social act." (Davidoff F.
Philadelphia 1996)
Der Wandel in der Medizin ist geprägt durch den medizinischen Fortschritt,
die Zunahme der Behandlung chronischer Krankheiten und die demographische
Entwicklung. Die Konsequenzen sind steigende medizinische Möglichkeiten und
steigende Ansprüche. Für den Arzt hat dies verschiedene Konsequenzen:
- Um sein fachliches Niveau hoch zu halten, muss er auf dem aktuellen Stand
der Wissenschaft sein. Da das normale Fachwissen rapide veraltet und Printmedien
nicht selten lange Vorlaufzeiten haben, wird der Arzt der Zukunft sein aktuelles
medizinisches Wissen aus digitalen Medien beziehen. Die Fähigkeit, in
Datenbanken schnell zu recherchieren wird genauso normal werden wie Blut
abnehmen.
- Die Flut an medizinischen Informationen muss richtig bewertet werden: ob sie
methodisch sauber ist, ob die Ergebnisse relevant und übertragbar sind, und ob
sie vom konkreten Patienten akzeptiert werden. Die "Signifikanz"
wissenschaftlicher Arbeiten hat mit der "Relevanz" oft nichts zu tun.
Der Arzt hat die Aufgabe, dies mit dem Patienten zu prüfen. Neben der
technischen Fähigkeit der Recherche kommt die Fähigkeit der Bewertung, der
kritischen wissenschaftlichen Beurteilung hinzu.
- Um den Behandlungserfolg zu ermöglichen ist es notwendig sich vor Beginn
explizit im Klaren zu sein, was das Interesse des Patienten und was das
Therapieziel des Arztes ist. Das bloße Vorgehen analog bestehender Symptome
oder Krankheitsbilder ohne absehbaren Nutzen für den Patienten ist im besten
Falle harmlos. Medizin ist nicht die Kunst des Machbaren, sondern des
Sinnvollen.
- Daraus resultiert der tatsächliche, nachvollziehbare und systematische
Bezug auf den einzelnen Patienten, seinen Zustand, seine Werte und Einstellungen
und seine Erwartungen.
- Das Können des Arztes spielt nicht selten eine größere Rolle als die
Aktualität seines Wissens. Die klinischen Fähigkeiten, die Wahrnehmung der
wichtigen Symptome, auch wenn sie eine Nebenrolle zu spielen scheinen, ist der
Schlüssel zur richtigen Behandlung. Die Schulung und das lebenslange Training
dieser Fähigkeiten muss ermöglicht werden. Die Reform der Ausbildung ist
überfällig.
- Diese Medizin wird sich nicht mehr im Verborgenen abspielen. Die
Veränderungen des Gesundheitswesens führen im besten Falle zu einem
"Wettbewerb durch Qualität". Es muss also die Möglichkeit gegeben
werden, Rechenschaft abzulegen über die Leistung des Arztes, der Praxis oder
der klinischen Abteilung. Verfahren der Zertifizierung, der Qualitätsdarlegung
sind in Vorbereitung. Leistung ist dabei das, was beim Patienten ankommt. Der
gute Arzt ist nicht derjenige, der vieles kann, sondern der, der seine Grenzen
kennt. Die Leistungsbilanz wird keine ökonomische, sondern eine inhaltliche,
qualitative sein.
- Moderne Kommunikationsmedien werden auch den fachlichen Austausch
verändern. Kontakte über telemedizinische Verfahren werden zunehmen.
Expertenwissen wird leichter zugänglich. Die Beurteilung von Röntgenbildern
oder pathologischen Befunden ist in der Praxisphase. Aufwand und Ergebnis
müssen gegeneinander abgewogen werden. Behandelt wird auch in Zukunft immer der
Patient und nicht der Röntgenbefund. Inwieweit Fachdiskussionen per Internet
und E-Mail geführt werden wird, bleibt abzuwarten.
Wichtiger als die beste Medizin als Wissenschaft in Theorie und Praxis sind
die Herausforderungen an den Arzt als Mensch. Die Ansprüche seiner Patienten
werden trotz schlechter werdender Rahmenbedingungen zunehmen. Der informierte
Patient will präzise und verständlich beraten werden, insbesondere der
chronisch kranke oder alte Patient braucht die Zuwendung, die Empathie des
Arztes. Das Rollenverständnis zu verändern, vom Typ des Einzelkämpfers, des
Experten oder "Helden in weiß" fort und hin zum hochqualifizierten,
humanen, verantwortungsbewussten Könner, Koordinator und Betreuer zu kommen,
ist schwierig, aber notwendig. Die Humanisierung der Medizin gilt für Patient
und Arzt. Dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen und primäre ärztliche
Tugenden wiederentdeckt werden: das "Hinhören können", die
Zurückhaltung und Bescheidenheit ("primum nil nocere"), das
Zeit-Haben und die Reflexion seiner selbst, seines Wissens und seines Könnens.
Der medizinische Fortschritt wird mit seinen Möglichkeiten nur dann den
Patienten sinnvoll erreichen, wenn damit im Wesentlichen die alten Tugenden
wiederbelebt werden: nämlich, trotz des technischen Fortschrittes als Arzt
Mensch und seinen Patienten Mitmensch zu bleiben.
Dr. med. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin