Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Wie vorhergesagt haben sich die Arbeitsbedingungen für
Krankenhausärztinnen und -ärzte in den letzten fünf Jahren
grundlegend geändert. Die Niederlassungssperre und befristete
Verträge versperren den Ärztinnen und Ärzten eine langfristige
berufliche Perspektive. Standen früher einer fünf- bis
siebenjährigen intensiven Zeit als Assistenzarzt ca. dreißig
Berufsjahre als niedergelassener Arzt entgegen, so droht dem
nachgeordneten Arzt der Gegenwart die Arbeitslosigkeit, sobald
sein befristeter Arbeitsvertrag endet.
Aus dem Durchlauferhitzer" Krankenhaus wird eine
Produktionsstätte von hochqualifizierten Arbeitslosen.
Durch diese Perspektivlosigkeit wurde der Grundkonsens
im ärztlichen Dienst im Krankenhaus gekündigt. Die
Arbeitsbedingungen eines nachgeordneten Arztes waren nie mit
arbeits- und tarifrechtlichen Vorschriften in Einklang zu
bringen, weil es darum ging, Patienten zu versorgen oder
Gespräche mit Angehörigen und Kollegen zu führen. Es
entstanden Mehrarbeit, Härten und eine überdimensionale
Arbeitsbelastung, die so in keinem anderen Berufsstand denkbar
wären. Diese Belastungen wurden ertragen mit der Aussicht auf
eine freiere und selbstbestimmte Arbeit in der Praxis oder einer
eigenverantwortlichen Stelle im Krankenhaus. Oder, wie es ein
Assistenzarzt neulich sagte: Das ist das Schöne in der
Medizin: was uns aufrecht erhält ist der Traum von einem
besseren Leben".
Es gibt kein besseres Leben mehr.
Die Arbeitsbedingungen von Assistenzärztinnen und -ärzten
sind einmalig:
70 bis 80% aller Assistenzärztinnen und -ärzte haben
befristete Arbeitsverträge mit einer Laufzeit von ein bis zwei
Jahren. Diese können am Ende der Laufzeit ohne jede Begründung
und ohne jegliche Möglichkeit der Gegenwehr beendet werden.
Diese Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führt
dazu, um keinen Preis unangenehm aufzufallen. Konflikte bleiben
verborgen, Missstände und Mehrarbeit können klaglos auf den
ärztlichen Dienst abgewälzt werden.
Aus dem anerkannten Stationsarzt ist in sehr vielen Fällen
der Ausputzer der Station oder der
Patienten-Dispatcher" geworden, der sich abmüht,
allen Anforderungen seiner Umgebung gerecht zu werden, seien es
Anordnungen von Vorgesetzten, von Stationsschwestern, Bitten von
Patienten und Angehörigen, Anfragen von Krankenkassen oder der
Verwaltung. Der mundtot gemachte Assistenzarzt wird
überfrachtet mit arztfremden Tätigkeiten. Die Formularflut
in den Arztzimmern ist enorm. Für Formulare wird inzwischen mehr
Zeit in Anspruch genommen als für die reine Patientenversorgung.
Was aus diesen Formularen geschieht, entzieht sich der Erkenntnis
des Arztes. Es verschwindet in der Administration und bleibt für
den Arzt ohne jeden Sinn.
Für einen Krankenhausarzt ist es nahezu beglückend zu
erfahren, daß externe Unternehmensberater die Zeit für eine
chirurgische Visite mit ein bis zwei Minuten pro Patient, die
Zeit für die Betreuung von schwerstkranken Bestrahlungspatienten
mit elf Minuten kalkulieren. Braucht der Arzt länger, ist er
unwirtschaftlich und Unwirtschaftlichkeit wird bestraft.
Aus dieser Mischung aus höchster Einsatzbereitschaft und
Abhängigkeit wird nur dann Ausbeutung werden, wenn er keine Verbündete
hat. Der unmittelbare Verbündete des nachgeordneten Arztes
sollte der vorgesetzte Arzt sein. Dort gibt es nur geringes
Verständnis für die Sorgen der eigenen Kolleginnen und
Kollegen. Man hört, dass die Zeiten früher auch hart waren,
Bereitschaftsdienste wurden überhaupt nicht bezahlt und aus
ihnen sei auch etwas geworden. Derartige Vergleiche hinken, denn
die damaligen Perspektiven sind nicht mehr gegeben.
Bei einer Befragung in einem Berliner Krankenhaus lehnten es
75% aller Chefärzte rundweg ab, Überstunden gegenzuzeichnen.
Krankenhausgeschäftsführer sprechen gerne von freiwillig
geleisteten" Überstunden, die für das Haus
natürlich praktisch" sind.
Eine über neunzig jährige Krankenschwester kommentierte
diese Zustände folgendermaßen:
Zu meiner Zeit war das Thema Überstunden der
Ärzte" schon brennend, denn dass z. B. ein
Bereitschaftsdienst auch eine Schufterei von A - Z sein kann,
davon haben die Grünentischmänner keine Ahnung. Und was den
Umgang und die Verantwortung mit kranken Menschen angeht, davon
können sie sich keinen Begriff machen und wollen sich wohl
keinen machen, denn das hätte Folgen, die ihnen unlieb wären.
Nur für ihre eigenen Belange haben sie Interesse"
Frauen hatten immer einen schwereren Stand in der Medizin und
sind von dieser Abhängigkeit besonders betroffen. Ärztinnen
stehen immer noch unter der Erwartung, eine besondere
Leistungsfähigkeit beweisen zu müssen. Klagen von Frauen über
Arbeitsbelastung werden erst recht abqualifiziert.
In die Zeit der Weiterbildung fällt oft die Phase der
Familienplanung. Während dieser Zeit wird - aus Kostengründen -
die Stelle erst mal nicht besetzt, die anderen Kolleginnen und
Kollegen müssen diese Arbeit mitmachen. Die Methode, im
Krankenhaus Stellen für Schwangerschaftsvertretung nicht zu
besetzen, ist weitest verbreitet. Sie ist frauenfeindlich.
Wer Kinder betreut, möchte gerne halbtags arbeiten. Dies
wäre in vielen Fällen machbar, wenn sich Zwei eine Stelle
teilen. In der Wirklichkeit steht dem der Anspruch entgegen, dass
-
die Krankenhausärztinnen und -ärzte immer im Dienst sind
und
-
nur wer voll arbeitet, ein guter Mitarbeiter ist.
Aus dieser Mischung aus Abhängigkeit und Ignoranz verkehren
sich ärztliche Tugenden in ihr Gegenteil, aus ärztlichen Primärtugenden werden Kardinalfehler:
-
aus der Einsatzbereitschaft wird Ausbeutung
-
aus der unbezahlten Überstunde wird der Arzt zum Nulltarif
(Wenn der Assistenzarzt umsonst arbeitet, warum nicht auch Ober-
und Chefärzte? Berufsverbände beklagen die Tatsache, dass neu
berufene Chefärzte 90% ihrer Nebeneinnahmen an das Haus
abführen müssen. Der Ausverkauf hat die Chefarztebene erreicht.
Nachgeordnete Ärztinnen und Ärzte sind in höchstem Maße
erpressbar. Dies ist unter dem ökonomischen Druck für
Krankenhausleitungen praktisch. Auswirkungen eines
undifferenzierten Spardrucks werden über Einsparungen im
ärztlichen Dienst kaschiert. Probleme und Missmanagement werden
nicht aufgearbeitet, sondern deren Folgen werden auf den
ärztlichen Dienst abgeleitet. Wer sparen muss, kann dies am
einfachsten über den ärztlichen Dienst tun. Befristete
Verträge braucht man nicht zu verlängern. Die Fluktuation - in
die Arbeitslosigkeit - kann gesteuert werden. Aus
Krankenhausärztinnen und -ärzten wird eine
betriebswirtschaftliche Manövriermasse. Sie müssen das
verstehen, Herr Jonitz. Wenn ich eine Arztstelle nicht besetze,
habe ich auf einen Schlag über 100.000.-DM gespart", sagte
ein Verwaltungsleiter.
Dagegen sorgen die Pflegeberufe dafür, dass berufsfremde
Tätigkeiten sorgfältig als solche deklariert und abgelehnt
werden. Auffangen darf diese der Krankenhausarzt. Unter dem
Hinweis die Pflege geht vor" unterbleibt aber die
Unterstützung des Arztes. Dieser darf morgens zu Beginn seiner
Tätigkeit eine halbe Stunde lang Blutentnahmen vorbereiten,
Infusionen aufziehen und Befunde einsortieren. Der Stationsarzt
wird zum Stationssekretär und zur akademisch gebildeten
Arzthelferin.
Dieser Missbrauch von Abhängigkeit führt direkt in die weiche
Rationierung, den schleichenden Qualitätsverlust:
Ein Zitat aus einer Krankenhausfachzeitschrift:
Mit ca. 65 bis 70% stellt der Personalbereich den
Hauptblock der Kosten dar. ... Für die Krankenhausleitung bleibt
die qualitative Besetzung (zum Beispiel AiP anstelle
Assistenzarzt) der Stellen, die Anzahl der Stellen und Teile der
variablen Personalkosten (Bereitschaftsdienste) beeinflussbar. Die
Einhaltung des extern vereinbarten Personalbudgets, vermindert um
eine kalkulierte Sicherheitsrate, ist der Hauptansatzpunkt jedes
Kostenmanagements." (f&w, 3/96, S. 200-206).
Meine Damen und Herren. Das heißt zum Beispiel, dass
im
Bereitschaftsdienst zwei anstelle von drei Ärzten Dienst tun
oder dass die Krankenkasse zwar 150 Arztstellen bezahlt,
tatsächlich nur 140 besetzt werden. Die kalkulierte
Sicherheitsrate" ist die verminderte Sicherheit bei der
Patientenversorgung. Geht etwas schief, ist der Arzt schuld. Wer
schuld ist, ist leicht zu ermitteln, was schuld ist, steht nicht
im Mittelpunkt des Interesses.
Die Krankenhäuser müssen sparen. Aber oft wird nicht dort
gespart, wo es sinnvoll wäre:
-
Abbau von Bettenkapazitäten durch konsequente Einführung
von prä- und poststationärer Versorgung und damit Einsparung
der Kosten, die nur mit dem Bett zu tun haben, nicht mit der
Patientenversorgung,
-
Einsparungen im Sachmittelbereich (75% der deutschen
Krankenhausärztinnen und -ärzte werden noch nicht einmal über
die Kosten der von Ihnen veranlassten Leistungen informiert),
-
Reform eines oft unflexiblen Verwaltungsapparates (Seehofer
wollte mit dem SGB V erreichen, dass Krankenhäuser gemanagt und
nicht mehr verwaltet werden. Dieser Anspruch ist richtig. Bei dem
ausgeübten Druck gehen Krankenhäuser aber in die Defensive, aus
einem Nilpferd wird nicht per Gesetz ein Springpferd.)
...sondern es wird dort gespart, wo es möglich ist, bei den
Ärzten. Dumm sparen", hat dies ein anderer
Verwaltungsleiter einmal gesagt.
Dieses System basiert darauf, dass schlechte Auswirkungen
gemeldet werden. Klagen sind aber im System nicht vorgesehen, die
letztendlich Betroffenen schweigen. Wer sich beschwert, hat
Sanktionen zu erwarten. Es gibt keine gleichlangen
Spieße" im Krankenhaus. Diese Politik hat im sensibelsten
Bereich des Gesundheitswesens ein Loch. Alles, was im
Gesundheits- und Sozialwesen irgendwo schief geht oder nicht mehr
geleistet werden kann, landet irgendwann im Krankenhaus und
trifft dort auf den jüngsten Arzt mit der höchsten
Arbeitsbelastung. Solange von dort keine Klagen kommen, ist die
Welt in Ordnung. Wenn aber Klagen kommen, wird der Vertrag nicht
verlängert, der Assistent fliegt raus. Also kommen keine Klagen.
Dabei steht fest, dass hierarchisch geführte
Diskussionen (Chefarzt-Oberarzt-Assistenzarzt) wenig dazu
beitragen können, das Verhalten der ärztlichen Mitarbeiter
positiv zu beeinflussen. Autoritäres Verhalten, verbunden mit
negativen Anreizen, wird immer dazu verleiten, aufgetretene
Probleme nicht auszuweisen" Prof. Dr. Eichhorn, DKI
So wird aus einem Systemfehler das individuelle Versagen
eines einzelnen Arztes.
Der Spardruck auf den Krankenhäusern ist enorm und
undifferenziert. Sie betrifft wirtschaftliche und
unwirtschaftliche Einrichtungen gleichermaßen. Einsparungen und,
bei profitorientierter Trägerschaft der Gewinn, sind alles. Wer
zu lange Verluste macht, geht vom Markt. Da die Qualität der
Patientenversorgung schlechter messbar ist als die
Einnahmen-Ausgabenrechnung, bleibt sie unberücksichtigt. Unter
diesen Umständen Qualitätsmanagement zu betreiben, ist eine
schwierige Aufgabe.
Das Primat im Krankenhaus hat nicht mehr die
Patientenversorgung sondern die Ökonomie.
In der Kurzformel bleibt folgende Aussage:
Vergessen Sie alle Humanität. Es geht nur noch um
Wirtschaftlichkeit"
Dies sagte ein ärztlicher Leiter in einer
Abteilungsbesprechung nach den Pflegesatzverhandlungen.
Treffender kann man die Situation nicht beschreiben.
Um wie viel weniger kann man unter diesen Umständen
gestiegenen Ansprüchen gerecht werden.
Der medizinische Anspruch ist gestiegen. Mit den
wachsenden Möglichkeiten der Medizin steigt der Aufwand. Die
Multimorbidität nimmt zu. Dies ist in der Arbeitsbelastung im
Bereitschaftsdienst deutlich spürbar. Es liegen richtig kranke
Menschen auf der Normalstation. Die Genesenden sind längst - vom
MDK - entlassen.
Die Erwartungen der Patienten orientieren sich
selbstverständlich an den Möglichkeiten der Medizin.
Die juristischen Anforderungen sind gestiegen.
Dokumentationspflichten gehen bis zu Risiken von 1 zu 14
Millionen. Facharztniveau wird von Gerichten vorausgesetzt.
Trotzdem machen AiP?ler alleine Bereitschaftsdienste. Sie stehen
vor dem Dilemma als inkompetent dazustehen, wenn sie den
Hintergrunddienst zu früh anrufen oder Fehler zu machen, wenn er
zu spät gerufen wird. Die Arbeit des Arztes im Praktikum soll
unter Anleitung und Aufsicht" erfolgen. Dies scheint
auch über mehrere Kilometer zu gelingen.
Das Primat der Ökonomie über die Humanität führt derzeit
dazu, dass Krankenhäuser keine Gesundheitszentren sondern
vielmehr Gesundheitsfabriken werden. Patienten werden
ablaufoptimiert, prozessgesteuert und nach Fallpauschalen und
Sonderentgelten geordnet durchgeschleust. Nachgeordnete
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden verbraucht und nach vier
Jahren ausgetauscht. Das Krankenhauses wird zum
Verschleißbetrieb für medizinisches Personal und bietet eine
wenig erfreuliche Perspektive.
Fluktuationsraten von Ärzten und Schwestern in
Universitätskliniken aber auch in privat geführten Häusern
erreichen gerne 25% und mehr, das bedeutet alle vier Jahre eine
komplett neue Mannschaft auf der Stationsebene.
Fassen wir zusammen:
Die Anforderungen nehmen zu, die Fallzahlen nehmen zu, die
Liegezeiten nehmen ab und die Arztzahlen nehmen ab. Weniger
Ärztinnen und Ärzte behandeln mehr Patienten in kürzerer Zeit
bei gestiegenem Anspruch.
Die Qualität im Gesundheitswesen stirbt zentimeterweise.
Dieser Missbrauch ärztlicher Arbeitskraft führt zu
einer Dissoziation unseres Berufsstandes, in Besitzende
und Nicht-besitzende. Die Besitzenden wähnen sich im Recht oder
auf der sicheren Seite. Sie übersehen aber, dass über den
Ausverkauf unseres Berufsstandes das Engagement und die
Leistungsbereitschaft verloren gehen und, wenn nichts geschieht,
ein beispielhaftes Gesundheitswesen in den Niedergang geführt
wird.
Meine Damen und Herren, die Zeiten haben sich geändert. Nur
die unreflektierte hierarchisch-militärische Struktur im
ärztlichen Dienst mit z. T. skurrilen Abhängigkeiten und
Privilegien und das Krankenhausmanagement sind grundlegend gleich
geblieben. Wir können aber nicht mit den Personen und den
Methoden von gestern die Probleme von heute und morgen lösen.
Dies ist das eigentliche Problem im Krankenhaus.
Noch ist es der Einsatzbereitschaft der Krankenhausärztinnen
und -ärzte bis zur Selbstverleugnung zu verdanken, daß die
Patienten von dieser Entwicklung nicht viel spüren. Schleichende
Qualitätseinbußen sind aber nicht zu vermeiden, der Anteil der
Klagen über Behandlungsfehler im Krankenhaus steigt.
In kaum einem anderen Bereich unserer Gesellschaft werden sie
höher qualifizierte und motivierte Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter finden, als im Bereich der Gesundheitsversorgung.
Diese Motivation wird nicht genutzt, sondern verheizt.
Wie bringt der Faktor Arbeit" seine höchste
Leistungsfähigkeit?
Nach Reinhard Mohn, dem Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann
Stiftung braucht man folgende Voraussetzungen:
Die Arbeitsbedingungen sind ungerecht. Berufsrecht,
Arbeitsrecht und Tarifrecht stehen in wesentlichen Teilen nur auf
dem Papier. Praktisch kein Krankenhaus hält das Arbeits-, Tarif-
oder Arbeitszeitrecht ein. Deutsche Krankenhäuser werden nur
unter flächendeckender Missachtung geltenden Rechts betrieben.
Die deutlich gestiegenen Belastungen sind ungleich verteilt.
Sparmaßnahmen betreffen fast ausschließlich nachgeordnete
Ärztinnen und Ärzte. Für leitende Ärzte mit alten Verträgen
hat sich praktisch nichts geändert.
An dieser Stelle noch der Hinweis auf die Pflicht zur
Mitarbeiterbeteiligung bei der Privatliquidation oder beim
Betrieb der KV-Ambulanz. Bei Privatrechnungen in der Zeit, in der
der liquidationsberechtigte Arzt im Urlaub war, handelt es sich
nicht um eine moderne Variante von Geistheilung, sondern um eine
tatsächlich erbrachte, hochwertige Leistung. Nur ob hier das
Geld der Leistung folgt und anschließend den oder die erreicht,
die die Leistung tatsächlich persönlich erbracht hat, ist fast
völlig der Willkür des leitenden Arztes unterworfen. Auch dies
ist Ungerechtigkeit.
-
Humane Arbeitsbedingungen. Die Arbeitsbedingungen
für Krankenhausärztinnen und -ärzte sind inhuman.
Bereitschaftsdienste von 32 Stunden am Stück wurden bereits 1982
vom Bundesarbeitsgericht als mit den Grundsätzen der
Menschenwürde unvereinbar deklariert.
-
Mitsprachemöglichkeiten. Der ärztliche Dienst wird
per Befehl und Gehorsam geführt, Konflikte werden über den
Austausch der Mitarbeiter, durch innere Emigration oder
Verbannung geregelt. Über medizinische Angelegenheiten wird in
der Regel hierarchisch entschieden. Mitbestimmungsgremien sind
für den ärztlichen Dienst fast unerreichbar. Welcher Arzt kann
es sich leisten regelmäßig ganze Tage im Personal- oder
Betriebsrat zu verbringen?
-
Perspektive. Es gibt keine erfreuliche Perspektive
derzeit, weder innerhalb noch außerhalb des Krankenhauses.
Wer einen leistungsfähigen ärztlichen Dienst im
Krankenhaus will, muss umdenken.
Der Arbeitsplatz Krankenhaus muss ein Dauerarbeitsplatz
werden.
-
Wir können uns keine fünfzig- bis sechzigtausend
hochkarätigen arbeitslose Ärztinnen und Ärzte leisten.
-
Wir müssen hochqualifizierten Ärztinnen und Ärzten eine
Zukunftsperspektive im Krankenhaus bieten.
-
Wir müssen Arbeit auf mehr Schultern und anders verteilen.
Der steigende medizinische Anspruch erfordert eine
permanente, hohe ärztliche Qualifikation. Die
Patientenversorgung der Gegenwart erfolgt durch viele
hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte und nicht einzig und
allein durch einen Arzt. Die Patienten haben einen Anspruch
darauf. Ein Arzt für Innere Medizin, Hämatologie - Onkologie
und Transfusionsmedizin im Assistenzarztrang leistet
hochkarätige Arbeit (wenn man ihn lässt). Er braucht aber auch
eine andere Führung als ein frisch approbierter
26jähriger.
Der Arbeitsplatz Krankenhaus muss im Hinblick auf die
eigentliche ärztliche Leistung reformiert werden.
Zuerst kommt die angemessene und sinnvolle Patientenversorgung,
dann die Kosten. Das Geld folge der Leistung. Wir brauchen ein
ärztliches Controlling, das uns Rechenschaft ermöglicht zu
erkennen, welche Leistungen mit welchem medizinischen Ergebnis veranlasst wurden. Nur dann ist erkennbar, auf welche Leistungen
wir Ärztinnen und Ärzte verzichten können ohne dem Patienten
zu schaden. Die Abschaffung des Routinethorax vor Op"
ist nicht dadurch um zehn Jahre verzögert wurden, weil sich
Assistenzärztinnen- und -ärzte dem widersetzt haben.
Die derzeitigen Reformbemühungen führen lediglich dazu,
dass ein bestehendes schlechtes System optimiert wird. Dies kann nicht
Sinn der Reform im Krankenhaus sein.
Ärztliche Arbeit muss entfrachtet werden. Die
Bürokratie ist auf das notwendige Mindestmaß zu beschränken.
Statt Stationsärzte mit Formularen zu bewerfen um
herauszufinden, was los ist, sollte man die Betroffenen fragen.
Wer sich nur auf die Informationen auf dem Dienstweg verlässt,
erfährt nur die halbe Wahrheit. Eine Oberarzt- oder
Assistentenbesprechung kann ergiebig sein.
Wir brauchen eine weitaus bessere Administration im
Krankenhaus. Eine, die die gleiche soziale Ethik den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber vorlebt, wie sie von
diesen ihren Patienten gegenüber verlangt wird. Wer seine
Mitarbeiter wir Ballast behandelt, braucht sich über den Verfall
der inneren Einstellung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
nicht zu wundern.
Wer auf die Frage anlässlich eines Managementtrainings, was
er tue, damit seine Mitarbeiter ihn mögen, antwortet:
Meine Assistenten sollen mich nicht lieben, sie sollen mich
hassen" hat seinen Beruf als Vorgesetzter verfehlt.
Wir müssen die Patientenorientierung und die
Mitarbeiterorientierung mit Inhalt füllen. Wir haben - um
Prof. Köbberling zu zitieren - zwar immer das Wohl des Patienten
im Auge gehabt, aber wir Ärzte haben selber definiert, was für
den Patienten das Beste ist. Für die Mitarbeiterorientierung
gilt, daß nicht immer der Chef allein weiß, was für seine
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Beste ist. Eine
dreißigjährige Assistenzärztin ist kein Kind, ein 45-jähriger
Oberarzt kein Schuljunge.
Ärztliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind keine
Kostenfaktoren, sondern das eigentliche Kapital.
Führung im Krankenhaus" ist neu
zu definieren. Die derzeitige Technik der unhinterfragten
hierarchischen Führung führt zum Missbrauch des eigenen
Berufsstandes und zur Zementierung bestehender Mängel.
Wir brauchen Krankenhausleitungen, die die Qualität ihrer
Mitarbeiter beurteilen können und nicht einfach glauben, was
berichtet wird. Dazu gehört auch die Beurteilung der
Führungsqualität. Führung ist, was unten ankommt.
Wir brauchen ausgeruhte Ärztinnen und Ärzte. Das bedeutet
mehr Stellen. Das Arbeitszeitgesetz ist kein Anschlag auf die
ärztliche Ethik zur Verhinderung der Leistungsfähigkeit,
sondern die Grundvoraussetzung dafür. Fragen Sie ihre Patienten,
ob sie, oder Sie selbst, von einem Arzt behandelt werden
möchten, der seit zwanzig Stunden kein Auge zugetan hat.
Dies gilt auch für Universitätskliniken.
Es ist eines der unerklärlichen Phänomene der
Gesundheitspolitik, dass für die Instandhaltung der Gemäuer
eines Krankenhauses eher Geld bereitgestellt wird, als für die
Instandhaltung der ärztlichen Arbeitskraft.
Das Problem ist nicht der reine Mangel an Geld, sondern der
Mangel an Umsetzung neuer Ideen. Vielleicht reicht die Diskussion
auf diesem Ärztetag aus, um einiges davon in Bewegung zu setzen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Dr. med. Günther Jonitz