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Der Ärzte-Appell: Gegen das Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern

(05.09.2019)  Die Zeitschrift "stern" hat in ihrer heutigen Ausgabe einen Appell gegen die Durchökonomisierung der deutschen Krankenhäuser veröffentlicht. Der Appell wurde von zahlreichen Ärzteverbänden und Fachgesellschaften sowie einzelnen Ärztinnen und Ärzten unterzeichnet. Zu den Unterzeichnern gehört auch die Ärztekammer Berlin, die die Initiative des "stern" für eine humanere Patientenversorgung voll unterstützt.

Der Ärzte-Appell

Gegen das Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern

Krankenhäuser sollen für das Dasein vorsorgen genauso wie die Polizei oder Feuerwehr. Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist. Es darf nicht länger passieren, dass Krankenhäuser Gewinne für nötige Anschaffungen ausgeben und dafür am Personal sparen - weil der Staat ihnen seit Jahren Finanzmittel vorenthält, um unrentable Einrichtungen "auszuhungern". Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde fordern, dass die Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen oder Profite erwirtschaften müssen. Warum also Krankenhäuser?

Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. Deshalb dürfen Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften keine Entscheidungsträger vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben. Aber auch manche Ärztinnen und Ärzte selbst ordnen sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. Wir rufen sie auf, sich nicht länger erpressen oder korrumpieren zu lassen.

Das Fallpauschalensystem, nach dem Diagnose und Therapie von Krankheiten bezahlt werden, bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften. Es belohnt alle Eingriffe, bei denen viel Technik über berechenbar kurze Zeiträume zum Einsatz kommt – Herzkatheter-Untersuchungen, Rücken-Operationen, invasive Beatmungen auf Intensivstationen und vieles mehr. Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Es bestraft auch Krankenhäuser. Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.

Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen und Durchökonomisierung der Medizin ist bis zur letzten Minute durchgetaktet. Nicht einberechnet ist der auf das Mehrfache angestiegene Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten. Nicht einberechnet ist die Zeit für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte und für die immer wichtigeren Teambesprechungen. Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod. Wenn aber mit den Kranken nie ausführlich gesprochen wird, können Ärztinnen und Ärzte nicht erfassen, woran sie wirklich leiden. Wenn diese Patientinnen und Patienten entlassen werden, verstehen sie weder ihre Krankheit noch wissen sie, wofür die Therapie gut ist. Das Dikat der Ökonomie hat zu einer Enthumanisierung der Medizin an unseren Krankenhäusern wesentlich beigetragen.

Unsere Forderungen:

  1. Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.
  2. Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit wirtschaftlichen Handelns.
  3. Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

* Dieser Ärzte-Appell entstand auf der Basis der Positionspapiere zahlreicher hochrangiger Institutionen, (darunter ein „Ärztekodex mit allein schon 30 Unterstützerorganisationen) in Absprache mit vielen Beteiligten. Es gab Diskussionen und Änderungswünsche, von denen viele in den Text einflossen: Es gab Einwände gegen die Formulierung, dass "manche" Ärzte "korrumpiert" werden, weil es einem Zugeständnis gleichkäme, dass dies wirklich passiert. Anderen war "manche" angesichts der Verbreitung sittenwidriger Bonusverträge zu wenig. Auch über die Frage, ob die Fallpauschalen abgeschafft oder nur "grundlegend überdacht" werden oder wie viele kleinere Krankenhäuser zusammengeführt (also auch: geschlossen) werden müssten, spalten sich die Unterstützer in zwei Lager. Das Ärztemanifest ist der gemeinsame Nenner eines breiten Spektrums von Akteuren im Gesundheitswesen mit unterschiedlichen Eigeninteressen. Alle eint die Erkenntnis: So darf es nicht weitergehen.

 

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